
Europäische Alternativen zu AWS, Cloudflare & Co.: Eine praktische Übersicht
Nachdem die ersten beiden Artikel dieser Serie die Rechtslage rund um Schrems III und den US CLOUD Act eingeordnet haben, kommt die naheliegende Frage: Welche europäischen Alternativen gibt es eigentlich konkret - und sind sie wirklich eine Option? Hier eine ehrliche, praktische Übersicht.
Der Denkfehler, den es zu vermeiden gilt
Bevor es um konkrete Anbieter geht: “US-Anbieter raus, EU-Anbieter rein” ist keine Sicherheitsstrategie, sondern eine Vereinfachung. Zwei Dinge lohnen sich vorab zu klären:
- Nicht jeder US-Dienst hat dieselbe Risikoexposition. Ein CDN, das nur öffentliche, nicht-personenbezogene Inhalte ausliefert, ist rechtlich etwas anderes als ein System, das Patientendaten oder Mandantenakten verarbeitet.
- Nicht jede EU-Alternative ist automatisch gleichwertig. Funktionsumfang, Zuverlässigkeit und Preis unterscheiden sich teils erheblich. Ein Wechsel um des Wechsels willen kann mehr schaden als nutzen, wenn der Ersatzdienst schlechter zu Ihrem Betrieb passt.
Die sinnvollere Frage lautet daher nicht “US oder EU?”, sondern: Wo verarbeite ich tatsächlich sensible, personenbezogene Daten - und ist dort ein Anbieter ohne US-Mutterkonzern verfügbar und praktikabel?
Konkrete Kategorien und Alternativen
Cloud-Infrastruktur (Server, Speicher, Rechenleistung)
Statt AWS, Google Cloud oder Microsoft Azure kommen für viele Anwendungsfälle europäische Anbieter infrage:
- Hetzner (Deutschland) - besonders kosteneffizient, verbreitet bei kleineren und mittleren Projekten.
- Scaleway (Frankreich) - breites EU-Cloud-Ökosystem, auch für komplexere Setups.
- OVHcloud (Frankreich) - größte europäische Alternative in Sachen Skalierung.
- STACKIT (Deutschland) - Cloud-Plattform der Schwarz Gruppe (Lidl/Kaufland), mit Fokus auf deutsche Datenschutz- und Souveränitätsanforderungen.
- IONOS (Deutschland) - etablierter deutscher Hosting- und Cloud-Anbieter mit breitem Angebot von einfachem Webhosting bis zu Cloud-Servern.
Ein bemerkenswertes Signal aus der Praxis: Bei einer EU-Ausschreibung für souveräne Cloud-Infrastruktur im April 2026 über 180 Millionen Euro wurde AWS explizit ausgeschlossen - den Zuschlag erhielten Scaleway, Clever Cloud, OVHcloud und STACKIT. Der öffentliche Sektor bewegt sich hier bereits konkret in Richtung EU-eigener Anbieter ohne CLOUD-Act-Exposition.
CDN und Edge-Netzwerke
Hier wird es differenzierter - und ehrlich gesagt: auch für uns bei thinkery.
Wir betreiben unsere eigene Website bewusst über Cloudflare (Workers, CDN, DDoS-Schutz) - ein US-Unternehmen. Der Grund: Für die Auslieferung einer öffentlichen, statischen Website ohne Verarbeitung personenbezogener Daten im eigentlichen CDN-Layer überwiegt für uns der Nutzen (Performance, Zuverlässigkeit, kostenloser Einstieg) das Risiko. Cloudflare bietet mit der Data Localization Suite zwar eine Option, Metadaten in der EU zu halten - das ändert aber nichts daran, dass Cloudflare Inc. als US-Unternehmen grundsätzlich dem CLOUD Act unterliegt. Diese Einschränkung sollte man kennen, bevor man sich allein auf dieses Feature verlässt.
Wer eine echte EU-native Alternative sucht, findet sie zum Beispiel bei Bunny.net (Slowenien) - ein CDN-Anbieter ohne US-Mutterkonzern, der für viele Standardanwendungen eine praktikable Alternative darstellt.
Unsere ehrliche Einordnung: Für die reine Auslieferung öffentlicher Website-Inhalte sehen wir das Risiko als vertretbar an. Sobald es um die Verarbeitung personenbezogener oder sensibler Daten geht, würden wir zu einer EU-nativen Lösung raten oder zumindest raten, das im Einzelfall zu prüfen.
E-Mail und Kommunikation
Statt Microsoft 365 oder Google Workspace für den E-Mail-Betrieb setzen wir bei thinkery auf einen selbst gehosteten Stalwart-Mailserver auf unserem eigenen Hetzner-Server in Deutschland - vollständig unter eigener Kontrolle, ohne Abhängigkeit von einem US-Anbieter für den E-Mail-Kern. Für den ausgehenden Versand nutzen wir smtp2go als Relay, da Hetzner die Standard-SMTP-Ports out of the box sperrt - auch das ist eine europäisch verfügbare Lösung.
Für Teams, die keinen eigenen Mailserver betreiben möchten: Anbieter wie mailbox.org oder Mailbox.io (beide Deutschland) bieten DSGVO-konformes Business-E-Mail-Hosting ohne US-Mutterkonzern.
Zusammenarbeit, Wiki und Aufgabenverwaltung
Auch hier setzen wir bewusst auf selbst gehostete, europäische Lösungen statt auf US-Cloud-Software:
- Docmost für unser internes Wiki (Ersatz für Notion/Confluence)
- Vikunja für Aufgabenverwaltung (Ersatz für Asana/Trello)
- Tuwunel (Matrix-Homeserver) für Chat-Kommunikation
Alle drei laufen selbst gehostet auf unserem eigenen Server - keine Daten verlassen unsere Infrastruktur, kein US-Unternehmen ist beteiligt.
Was das für Ihr Unternehmen bedeutet
- Fangen Sie bei den sensibelsten Daten an. Patientenakten, Mandantendaten oder andere besonders schützenswerte Informationen verdienen die größte Sorgfalt bei der Anbieterwahl - hier lohnt sich der Umstieg auf einen EU-nativen Anbieter am ehesten.
- Nicht alles muss sofort migriert werden. Ein bewusster, abgestufter Ansatz - beginnend bei den kritischsten Systemen - ist realistischer als ein kompletter Anbieterwechsel über Nacht.
- Fragen Sie aktiv nach der Konzernstruktur. “EU-Server” reicht nicht als Antwort - fragen Sie konkret, ob der Anbieter (oder dessen Mutterkonzern) US-amerikanischem Recht unterliegt.
- Seien Sie skeptisch bei Marketing-Begriffen wie “Datenresidenz” oder “EU-Cloud” von US-Anbietern. Wie beim Cloudflare-Beispiel oben gezeigt, lösen solche Feature-Pakete das grundsätzliche CLOUD-Act-Problem nicht.
Fazit dieser Serie
Mit diesem Artikel schließen wir die im Schrems-III-Beitrag angekündigte Vertiefungsreihe ab: von der rechtlichen Einordnung (Schrems III, FTC-Urteil) über die technische Grundlage (CLOUD Act) bis zu den praktischen Alternativen. Die Kernbotschaft bleibt: Es gibt keine pauschale Antwort, aber es gibt zunehmend echte, praktikable europäische Optionen - und der öffentliche Sektor zeigt bereits, in welche Richtung sich die Erwartungen entwickeln.
Wenn Sie Ihre eigene Software- und Dienstleisterlandschaft auf genau diese Fragen hin überprüfen möchten, nehmen Sie unverbindlich Kontakt mit uns auf.